Die Form des Kopfes als Sinnbild der Identität und ihrer Verwerfungen nimmt hier eine prominente Rolle ein. Ohne jegliche Gesichtszüge aufzuweisen, erwächst die Eigenheit der Köpfe allein aus der Beschaffenheit des jeweiligen Materials – ungeachtet der Bedeutung, die wir ihm gewöhnlich beimessen. Zahra Hassanabadi gelingt es meisterhaft, durch die Kombination verschiedener Fundsachen, die Variation eines Grundmusters, die serielle Reihung von Modulen und immer neue Formfindungen aus der Poesie des Materials zu schöpfen.
Auch in ihren Bildern ist der Sinn für Oberflächenstrukturen spürbar.
Für ihre seriell angelegte Malerei und Zeichnung bedient sich Hassanabadi hauptsächlich grafischer Mittel
wie Punkte, Linien und Flächen. In Anlehnung an informelle Kunst arrangiert sie diese zu abstrakten Landschaften, so dass fiktive Sehnsuchtsorte entstehen, denen stets etwas Abgründiges eignet.
Virtuos fügt sie grafische Kürzel zu großflächigen ornamentalen Mustern, die zugleich flächig und dinghaft wirken. Dafür ritzt sie kleinste Setzungen in die ebenso kruden wie sensiblen Farbschichten, mit denen sie ihre kleinformatigen Bildtafeln bedeckt.
Zu delikaten Farbteppichen zusammen gefügt, bringen die für sich genommen eher spröden, naturnahen Farben einander zum Strahlen. Ein eher skulpturales Vorgehen wie das Ritzen und Schaben spiegelt sich auch in ihren körperlich erscheinenden, grafischen Formstudien wieder, in denen Hassanabadi den Reichtum organisch anmutender Gebilde erforscht. Mit Pappmaché werden diese anthropomorphen Variationen wiederum in die Dreidimensionalität übersetzt.
Auch hier gilt der Oberfläche der aus sinnlichen Rundungen bestehenden Skulpturen Hassanabadis’ besonderes Augenmerk – so glatt wie von Naturkräften geschliffene Steine, laden sie unwillkürlich zum Berühren ein.
Zahra Hassanabadi wurde 1964 in Shiraz, Iran, geboren und lebt seit 2001 in Deutschland. Vor ihrer Emigration war sie überwiegend als Foto-Künstlerin tätig und hatte mit ihren Arbeiten in der heimischen Kunstszene bereits einige Erfolge. Während sich die Künstlerin in ihrer klassisch-analogen, politisch motivierten Schwarzweiß-Fotografie - mehr und mehr auch in Malerei und Zeichnung - vor allem mit der Gesellschaft im Iran auseinander gesetzt hat, vollzog sich nach ihrer Ankunft in Deutschland ein bedeutsamer Wandel.
Durch die Erfahrung von politischer Verfolgung und dem Verlust der Heimat richtete Hassanabadi
ihren Fokus verstärkt nach innen, um das Erlebte in eigene, sehr persönliche künstlerische Äußerungen zu verwandeln. Dabei sieht sie sich jedoch nicht losgelöst von der Welt, die sie umgibt, sondern verarbeitet in ihrem Werk auf höchst ästhetische Weise die Auswirkungen, welche kulturelle, politische und gesellschaftliche Bedingungen auf ihre individuelle Situation als Künstlerin haben. Zahra Hassanabadis Formensprache verknüpft Bezüge zur iranischen Bildtradition mit Konzepten der westlichen Kunst wie Informel, Arte povera, Eat art und Installationskunst. So verleiht sie einem Ethos künstlerischer Freiheit Ausdruck, dem vor allem daran gelegen ist, ästhetische und kulturelle Kategorisierungen zu überwinden und zu Neuem durchzudringen.
Susanne Buckesfeld MA